Alle die auf diesem Planeten denken, sind Feministen!


Nadja Rothenburger und ich haben uns über einen Lesekreis kennengelernt, bei dem es um den Zusammenhang zwischen Kunst und Kapital(ismus) ging. Aus den Gesprächen ging hervor, dass Nadja sich ebenfalls mit Fragen des Subjekts, u.a. von einer feministischen und psychoanalytischen Perspektive aus, beschäftigt. Da mich das sehr interessiert, habe ich sie, ohne viel über Nadja zu wissen, um ein Interview gebeten. Da ich Nadja eigentlich zu wenig kenne, um sie interviewen zu können, dachte ich, dass es vielleicht interessant ist mittels verschiedener Textausschnitte miteinander per Mail ins Gespräch zu kommen. Im Winter 2021 haben wir uns dann über einige Monate hinweg zu verschiedenen Textausschnitten aus verschiedenen feministischen Theorie ausgetauscht. Das Gespräch fand im Rahmen meiner Recherche: Alle die auf diesem Planeten denken, sind Feminsten! gefördert von Neustart Kultur statt.









Nadja, Du bist Geisteswissenschaftlerin, forschst im Bereich Tanzwissenschaft und Tanzhistoriografie an der Universität in Bern und jetzt gerade an der Kunstuniversität Linz, der Titel deiner Dissertation lautet Autochoreografie im Zeitgeschehen. Wie Selbstentwürfe Tanzgeschichte schreiben. Der obenstehende Text ist in den 1970er Jahren als deutsche Übersetzung erschienen in dem Band Essen vom Baum der Erkenntnis, Weibliche Praxis gegen Kultur im Merve Verlag.  An den Unis hat sich sicher vieles verändert seit 1970. Trotzdem, kannst Du das Problem, das in diesem Text beschrieben wird, ein Stück weit nachempfinden? Wie gehst Du mit Kollisionen von Ordnungen und Denkweisen um?

Liebe Zina, vielen Dank für Deine Fragen, das Format gefällt mir gut! Insbesondere die Einbeziehung historischer Texte, weil sie unser Gespräch einbetten und kontextualisieren, Denkanstösse geben. Es erinnert mich an eine Brieffreundschaft, auch das Zuschanzen von Materialien, die einen umtreiben, bewegen, weiterziehen.

Zu Deiner Frage hinsichtlich des Pa/Ma-Textes: der im Text verhandelte Sprachbezug schliesst ja an mehrere Gespräche an, die wir im vergangenen halben Jahr geführt haben, das u.a. geprägt war von der Corona-Pandemie und anderen sich verdichtenden gesellschaftlichen Krisenszenarien wie der klimatische und digitale Wandel und unser Umgang mit Migration sowie damit assoziierte sogenannte Demokratie- oder Kulturkrisen. In dieser Zeit habe ich mich regelmässig in kleinen Lesekreisen online getroffen und wir haben u.a. einen Text von Tove Soiland diskutiert: «Luce Irigarays Denken der sexuellen Differenz». Parallel dazu habe ich begonnen, mich auch wissenschaftlich mit Denk- und Argumentationsfiguren der ,Krise‘ zu beschäftigen. Deine erste Frage weckt daher bei mir Assoziationen zur Sprache als Herrschaftsinstrument und Ausdrucksmittel und wie sich diese zu einem krisenhaften Zustand verhält. Dazu begegnete mir unlängst ein Textfragment von Nancy Stark Smith:

"Language goes only so far, it's true. But it can indeed go quite far—in bringing an ineffable experience into at least partial consciousness, satisfying an intention to articulate, share, or invoke an experience (and conceive of it at all!). None of these is the same as the wordless experience itself, but I find that language can be an effective breadcrumb trail leading back to the nonlanguageable phenomena."

—Nancy Stark Smith (Editor Note, CQ Vol. 45 No.1, Winter/Spring 2020)

Nancy Stark Smith stellt hier das Verhältnis von Erfahrung und Versprachlichung zur Disposition und benennt damit ein ganz zentrales Forschungsfeld der Tanzwissenschaft: Wie wird der Gegenstand, der mich als Tanzhistorikerin umtreibt, be- und erschrieben – wie wird er zur Sprache gebracht bzw. durch diese mit geformt. Das eine lässt sich ohne das andere nicht denken und zugleich ist jede Entäusserung eben immer auch Reduzierung und Möglichkeitsraum zugleich. Also Ausdruck und potenzieller Ausblick eines Dilemmas und in dieser Hinsicht dynamisch. Das enthebt uns freilich nicht der Frage nach Geschlechterverhältnissen, macht aber die Betrachtung und Erforschung von Sprache so vielschichtig und insbesondere für das tanzwissenschaftliche, aber auch choreografische Denken und Arbeiten fruchtbar.


Irigaray’s project of redefining the parameters of subjectivity and the very understanding of what thinking is all about rests on one major assumption: the belief in the ontological basis of sexual difference. In other words, the difference between the sexes is radical, and it is constitutive of the human experience; it should be listed alongside mortality as the ineluctable frame of reference of the human being.
Just like death, sexual difference is always already there, whether we acknowledge it or not. The ontological claim for sexual difference is what makes Irigaray so important theoretically and politically; the essentialist belief in ontological difference is a political strategy aimed at stating the specificity of female subjectivity, sexuality, and experience while also denouncing the logic of sexual indifferentiation of phallogocentric discourse.¹²


Rosi Braidotti, Nomadic Subjects: Embodiment and Sexual Difference in Contemporary Feminist Theory (New York: Columbia University Press, 1994), 131.
Rosi Braidotti, Nomadic Subject Chapter 6, “The Ethics of Sexual Difference: The Case of Foucault and Irigaray”, on p. 131 of the 1994 Columbia University Press edition.

Der Textausschnitt ist von Rosi Braidotti aus Nomadic Subject von 1994, ebenfalls Vertreterin der eher randständigen feministischen, philosophischen Strömung, die auf der Idee einer ontologischen sexuellen Differenz basiert. Ich finde die Frage, ob es einen wesensmässigen Unterschied zwischen den Geschlechtern gibt, nicht wichtig im Kampf um Gleichberechtigung, und wie aus dem Text hervorgeht, ist die sexuelle Differenz ja auch eher eine politische Strategie, eine Zwischenstation, die Frauen handlungsfähiger macht und sicherlich keine biologistische Differenz. Bei Braidotti selbst ist die sexuelle Differenz auf keinen Fall essentialistisch gemeint, aber trotzdem eine ontologische. Deshalb frage ich mich wo, an welchem Ort sozusagen, diese Differenz statthat. Wie nimmst Du diese grundlegende „sexuelle Differenz“ von Luce Irigaray oder Rosi Braidotti wahr? Kannst Du vielleicht beschreiben, was das für eine Differenz ist, auf welcher die gesamte Theorie von Luce Irigaray aufbaut. Wo differenziert sich da etwas? Oder geht es mehr darum, dass es vielmehr immer Differenz(en) gibt und nicht Gleichheit und dass wir für Differenz(en) eigentlich keine Sprache haben - Differenz(en) in unsere Kultur nicht denken können? Oder muss man geschlechtliche Subjektivierungsprozesse nach psychoanalytischer Theorie besser verstehen, um nachvollziehen zu können, wo diese Differenz genau stattfindet?

Ich finde Deine Annahme interessant, dass sexuelle Differenz an einem Ort stattfindet und würde zurück fragen, wie Du diesen beschreiben würdest.

Ich bin selbst noch dabei zu durchdenken, was es mit sexueller Differenz bei Irigaray auf sich hat, insbesondere da sich diese ontologischen Betrachtungen durch die Frage nach der Subjektivierung noch einmal verkomplizieren. Hier hat mir eine Diskussion zwischen Svenja Flasspöhler und Christoph Türcke unlängst hilfreiche Anstösse gegeben. Dort wurde darauf verwiesen, dass eine konstruierte Realität immer noch eine Konstruktion von etwas ist. Ich weiss nicht, ob Materialität als Begriff für dieses Konstruierte zutreffend ist, aber jedenfalls sind unsere konstruierten Realitäten immer durch, mit und von materiellen Gegebenheiten geprägt, mit denen unsere Realitäts-Konstruktionen wiederum im Wechselspiel stehen. Damit will ich sagen, dass z.B. Weiblichkeit eben nicht nur ein Konstrukt sein kann, denn es haben nun einmal ein signifikanter Anteil von Frauen ihre Menstruation und/oder die Möglichkeit für eine bestimmte Zeit ihres Lebens Kinder zu gebären. Das ist ein Fakt, eine Konstruktion, die sich aus diesem Umstand ableitet, wäre dann, dass Frauen deswegen weniger intelligent wären oder aufgrund ihrer Körperlichkeit allein zum Gebären bestimmt seien – das ist natürlich Unfug und diese Behauptungen stehen exemplarisch für einen bestimmten Herrschaftsdiskurs über ,Weiblichkeit‘, der mit körperlichen Realitäten nichts zu tun hat. Deswegen ist ja heute auch das Sprechen über Männlichkeit so verletzlich, weil eigentlich immer dazu gesagt werden müsste, nein – es geht hier eben nicht vordergründig um ,biologische‘ Männer (wer auch immer das sein mag), sondern um gewisse Herrschafts- und Unterdrückungsmechanismen, die durch die Geschlechterverhältnisse unserer Gesellschaft ausagiert werden. Und auch eine Frau, eine intergeschlechtliche oder non-binäre Person kann diese ,männlichen‘ Verhaltensweise ausüben.

Einen weiteren wichtigen Hinweis, den ich aus dem Gespräch Flasspöhler/Türcke mitgenommen habe ist die Feststellung, dass Verhältnisse immer nur zwischen etwas, also sagen wir verschiedenen Komponenten, gedacht werden können. Diese Beobachtung könnte man umkehren und sagen, wenn wir uns in verschiedene Geschlechteridentitäten zerstreuen oder als non-binär denken, wie können wir dann Ungleichheiten benennen? Ich glaube, das Problem unserer Geschlechterverhältnisse liegt nicht (nur) in der Binarität, sondern darin, wiediese verschiedenen Kategorisierungen von ,weiblich‘ oder ,männlich‘ gedacht werden und ob sie beweglich zueinander ins Verhältnis gesetzt werden oder ob der Status Quo möglichst beibehalten werden soll.




Auch dieser Text stammt von Luce Irigaray aus den 1970er Jahren. Der Text hört sich für heutige Leser und Leserinnen wahrscheinlich irrwitzig an, im besten Fall einfach stark übertrieben. Ich selbst meine allerdings, dass ich den im Text beschriebenen Vorgang in verdeckter Form in bestimmten Gefühlen, wiedererkennen kann.

Es ist nicht einfach, es genau zu benennen, aber ich würde sagen, dass es bei amourösen Annäherungen diesen Moment gibt, in dem ich merke, dass ich als Frau doch irgendwie ein bisschen eine Ware werde, dieses Mannes, aber auch der Gesellschaft, während ich nicht das Gefühl habe, dass das auch umgekehrt so passiert. Das sage ich jetzt rückblickend. Ich habe zu diesem Zeitpunkt nicht so sehr darüber nachgedacht, aber ich denke, dass diese Gefühle ein stückweit unabhängig sind von meinem Verhalten in dieser Situation und, dass da etwas hochkommt, das tatsächlich eher etwas Strukturelles ist oder so eine Nebelwolke, die nicht verdunsten will, noch so in der Luft rumhängt und von diesem „alten Warenstrom“ erzählt, von dem ich als Frau doch irgendwie immer noch Teil bin, ob ich das will oder nicht.

Ich muss den Text lesend auch an unser erstes Gespräch denken. Ich glaube Du hast da auch diesen Text erwähnt, oder zumindest die „Entdeckungen“ von Lévi-Strauss. Und da hast Du etwas gesagt wie, dass Du als Frau, die keine Kinder hat und in keiner festen Beziehung lebt, letztlich nicht Teil des Systems bist. Und mehr noch, dass Du dadurch als Bedrohung dieses Systems wahrgenommen wirst, ob Du willst oder nicht. Eigentlich ist es ja super, eine Bedrohung für das System zu sein, aber irgendwie hat es mich kurz auch getroffen, ich weiss gar nicht wieso.

Ist es einfach nur, was es ist und mehr nicht oder könntest Du darüber noch mehr sagen? Zum Beispiel was genau ist es, was Du da „bedrohst“?

Vor ein paar Tagen habe ich ein Interview mit der Wiener Schriftstellerin Doris Knecht über ihr jüngstes Buch gehört, bei dem ich vor allem an der Beschreibung ihrer Hauptfigur hängengeblieben bin. Knecht skizziert diese Figur als alleinstehende Witwe und Mutter, deren Selbstständigkeit für Männer insofern bedrohlich ist, als sich diese Männer in ihrem Rollenverständnis als Versorger und Beschützer angegriffen sehen und diese Verunsicherung dann stellvertretend an ihr als alleinstehende Frau ausagieren, weil sie es wagt sich öffentlich zu äussern. Auf digitale Hassbotschaften und deren Folgen für die Betroffenen, über die Knecht in ihrem Buch erzählt, mag das zutreffen; hinsichtlich einer Analyse von Geschlechterverhältnissen fehlt mir da noch ein wesentlicher Aspekt. Das Bedrohliche an unabhängigen Frauen – oftmals auch in ihrem eigenen Selbstverständnis – ist ja nicht nur deren Selbstständigkeit, sondern auch, dass sie sich im gesellschaftlichen Gefüge nicht durch die Bezugnahme auf andere – einen Mann oder Sorgearbeit – legitimieren. Indem ich also mein Dasein weder durch Mutterschaft noch durch Ehe oder Partnerschaft einhege und ein vermeintlich ungebundenes Leben führe, also keine pflegerische oder sorgende Rolle übernehme, weil ich z.B. die Kinder meiner Geschwister als Tante eng begleite oder alternde Angehörige versorge, werde ich zum unberechenbaren, frei flottierenden, radikalen Teilchen im Halbbewussten der Gesellschaft. Mein Dasein sperrt sich sozusagen gegen diese Legitimationsversuche und legt zugleich Zeugnis ab davon. Ich glaube, deswegen fällt es Männern unter Umständen auch schwer, sich auf weibliches Begehren zu beziehen, weil ihnen schlichtweg die Beweggründe verstellt bleiben, die dazu führen sich dieser Ordnung entziehen zu wollen. Eine Ordnung, in der Frauen als eine Art Bedeutungs-Träger fungieren, aus der sie aber nicht einmal verdrängt oder ignoriert werden können, weil sie als Eigenständiges einfach nicht vorkommen. Als junge Frau fiel das für mich noch nicht so sehr ins Gewicht, weil ich keine vergleichbaren, eigenen Erfahrungen mit den Begehren einer fast 40-jährigen gemacht hatte. Heute, wenn ich mit mehr Erfahrung auf diese Fragen blicke, finde ich, dass ein gewichtiges Momentum, also wie dieses Nicht-Dasein von Frauen über 40, 50 sich vollzieht, und zwar eben nicht (nur) dadurch, dass sie von Männern als mögliche Bettgefährtinnen abgewertet werden, weil ihnen deren Begehren keine gesellschaftliche Statusveränderung mehr verspricht. In dieser Lesart sind die Begehren dieser Frauen für Männer also weder als solche wahrnehmbar noch von Interesse.

Filmstill aus Rainer Variations von Charles Atlas und Yvonne Rainer, 2002



Das war auch im Austausch mit der Badener Theatermacherin Stella Palino ein Moment, wo wir feststellen mussten, dass wir ganz unterschiedliche Strategien entwickelt haben, mit diesen Zurichtungen umzugehen. Und uns deswegen nur behutsam und mit viel Geduld verständigen konnten, denn ihre Weiblichkeit und ihr Begehren richtet sich ganz anders aus als das meine. Ihre, in zahlreichen feinen alltäglichen Gesten zugespitzte, Geschlechtlichkeit unterstreicht in gewisser Weise, dass das Beharren auf Eindeutigkeiten eine Einbahnstrasse ist, weil es die Lust am Spiel abtötet. Und dazu kommen natürlich auch ihre Stücke, in denen sie sehr direkt für feministische Anliegen eintritt. Während ich versuche Um–gehens–weisen zu finden, also Ereignisketten, die ein klein wenig neben diesen bekannten Ordnungen verlaufen, Begehrensstrukturen, die vom ,Männlichen‘ abrücken, es vielleicht ein wenig deplatzieren und/oder ganz bewusst ausser Acht lassen. Wir verfolgen da also unterschiedliche Projekte, die aus unserer jeweiligen Geschichte heraus entstanden sind und in ganz bestimmten Kontexten eine Wirkmacht entfalten, die sich nicht immer gleich erschliesst.

Und kannst Du sagen, liebe Zina, warum Du eher das "Um-gehen" und "Ausser Acht lassen" praktizierst als das "Unterlaufen"?




Als Choreografin habe ich mich viel mit etwas das ich "offene Bilder" nenne, beschäftigt. Offene Bilder gibt es natürlich überall, in der Kunst findet man sie sehr oft, würde ich sagen. Bei mir waren es Gesten, die ich übereinander lagerte und dadurch auf mehrere Dinge gleichzeitig verwiesen, mehrere Dinge bedeuten konnten oder vielleicht auch gar nichts mehr bedeuteten. Etwas offen zu lassen mit dem Ziel Neues einzuladen, ist oder war für mich deshalb etwas sehr Positives. Als ich vor einem Jahr der Dramaturgin eines Theaterhauses ein Stückkonzept vorlegte, bei dem es um eine spielerische Dekonstruktion sexistischer Darstellungen von Tänzerinnen ging, winkte sie sofort ab, als ich sagte, dass ich als Choreografin den Zuschauer:innen die Deutungshoheit überlasse und eine Vielzahl an weiblicher Subjektivität zeigen will. Ihr Argument gegen mein "Offenlassen" war, dass Frauen in der Geschichte immer gesagt bekamen, wer sie sind und dass die Zuschreibungen von aussen aufhören sollten. Irgendwie so. Wir haben uns beide nicht so ganz verstanden. – Wobei ich sie wahrscheinlich besser verstanden habe als sie mich. (;  – Wie auch immer, seither interessiere ich mich noch mehr für alle Arten der Öffnung und Methoden dafür.

Die ausgewählten Texte unten "öffnen" selbst etwas oder sprechen auf unterschiedliche Weise davon. Ich würde mich freuen, Deine Gedanken zum Potenzial und zu den Gründen aber vielleicht auch den "Gefahren" zu hören, eine Sache nicht genau zu definieren, nur zu umreissen oder vielleicht sogar "unbespracht" zu lassen - ich glaube ja irgendwie doch daran.



Luce Irigaray: Waren, Körper, Sprache. Der verrückte Diskurs der Frauen. Berlin: Merve, 1976, S. 155. 

Zu Deiner Frage kommen mir zwei Aspekte in den Sinn: Erstens, dass jedes Stocken, Ausweichen, Verwischen oder Weglassen im Sprechen für ein mögliches Aufwirbeln der Zeichen stehen kann. Es kann Hinweise darauf bereithalten, dass etwas (noch) oder jedenfalls nicht einfach so gesagt bzw. gedacht werden kann. Ich finde, das sind häufig ganz, ganz spannende Momente im Kontakt mit mir selbst und anderen, weil sie mir Reibungsfläche bieten, an der sich mit etwas Glück neue Einsichten oder sogar andere Bedeutungshorizonte ergeben.

Und zweitens stellt sich ja umgekehrt die Frage, aus welcher Perspektive heraus diese Eindeutigkeiten jeweils gedacht und gefordert werden. Wer fürchtet erneute Zuschreibungen auf der Bühne: die Dramaturgin selbst oder die Dramaturgin stellvertretend für das Haus bzw. die Tänzer*innen auf der Bühne? Und wie will sie feststellen oder 'kontrollieren', was diese Zuschreibungen im Publikum auslösen? Ich denke, deswegen können Tanz- und Theaterarbeit als Kunstformen auch so interessant sein, weil eine Stückdramaturgie natürlich einerseits versucht, mit raumzeitlichen und bildlichen Mitteln ganz bewusst eine bestimmte Wirkung herzustellen und andererseits, sich diese Wirkung dennoch nie gänzlich erschliessen lässt bzw. vielen Faktoren unterliegt, die sich einfach nicht abschliessend einschätzen lassen.

Ich füge hier den Anfang aus Medusa von Helene Cixous ein – in der ersten deutschen Übersetzung von Claudia Simma, Seite 39–40. Grossartig an dem Text finde ich, das kann man den Auszügen vielleicht nicht entnehmen, wie Cixous einerseits nicht definiert, was das Weibliche oder weibliche Schreiben ist, andererseits sehr viele Aussagen über Frauen macht – woher sie kommen, was sie tun, was sie können.





Nancy Fraser, „Feminismus, Kapitalismus und die List der Geschichte“, in: Blätter für deutsche und internationale Politik 8/2009, S. 46–47.

Lass uns noch auf ein anderes Thema kommen: Der Slogan „Das Private ist politisch“ ist eine wichtige, vielleicht die wichtigste Leitlinie der Frauenforschung in den 1970er Jahren. Der Abschnitt unten aus dem Artikel Feminismus, Kapitalismus und die List der Geschichte von Nancy Fraser, abgedruckt in Blätter (2009), beschreibt sehr gut, was der Slogan impliziert. In einem Gespräch im Sommer, hast Du auch über das Private IM Politischen gesprochen. Es geht mir immer noch um Sprache und eine Sprache haben: Und zwar meintest Du, dass Frauen in politischen Debatten gezwungenermassen immer wieder auch das "Private", also Erfahrungen aus dem Privaten miteinbrächten, da diese in der breiten Gesellschaft einfach doch noch nicht so repräsentiert wären. Sprichst Du da von diesem "das Private ist politisch", was umgekehrt eigentlich nur sagt, dass Frauen in den privaten Raum gedrängt wurden, oder meintest Du damit noch etwas anderes?

Mmh, danke für die spannende Frage, liebe Zina. Vielleicht ist es ja eine Überlegung wert, sie etwas anders zu denken, indem man z.B. das 'Private' durch 'Alltag' ersetzt? In meiner Forschung bin ich jedenfalls so vorgegangen, u.a. deswegen, weil sich mit den heutigen digitalen Technologien das etablierte Verhältnis von Öffentlichkeit/Privatheit stark verändert hat. Es entwickelt sich in eine Richtung, von der wir noch nicht wissen, was sie für uns als Gesellschaft bereithält.

Das Begriffspaar Politisch/Privat, das in feministischen Diskursen häufig adressiert wird, ist ja u.a. von der Bürgerlichkeit der Biedermeier-Zeit geprägt, in der sich private und öffentliche Sphäre zumindest in bestimmten gesellschaftlichen Milieus viel deutlicher trennen liessen als heute. Zahlreiche feministische Theorien begreifen dieses lange 19. Jahrhundert als entscheidend für die Etablierung der Geschlechterverhältnisse so, wie wir sie heute kennen. Das Biedermeier ist im Schweizer Kontext zwar nochmal eine Betrachtung für sich, dennoch lässt sich anhand der tänzerischen Sujets von Balletttänzerinnen wie Carlotta Grisi, Fanny Elßler oder Marie Taglioni ganz gut nachvollziehen, wie sehr deren Werdegänge von bestimmten Geschlechterverhältnissen geprägt sind – ein häufig genanntes Beispiel hierfür ist das Ballett Giselle.

Beim Nachdenken über Alltag ging es mir darum, zu schauen wie Künstler*innen die Übergänge zwischen Öffentlichkeit und Privatheit ausloten, insbesondere dann, wenn Alltag oder Privatheit auch mit Körperlichkeit in Verbindung gebracht werden. Die Trennung zwischen beiden Sphären ist je nach Kontext ja eher eine strategische oder konzeptionelle mit unterschiedlichen Effekten. Mich interessieren genau die Bereiche der Übergänge, z.B. in der Diskussion um Schwangerschaftsabbruch, bei der sehr deutlich wird, wer weibliche Körper als quasi öffentliches Gut für sich in Anspruch nimmt, über das bestimmt werden soll, und wem dieses Recht verweigert wird, wie z.B. Ärzt*innen oder eben den Frauen selbst. Während andersherum in Bezug auf sexualisierte Gewalt in der Ehe lange eine Art Privatheitsgebot galt, das jedem Ehemann die Möglichkeit einräumte, eine gewaltvolle Handlung vor dem Gesetz zu seinen Gunsten als sexuellen Akt auszulegen, welcher ihm zusteht.




Literaturverzeichnis
Benjamin, Jessica (1990): Die Fesseln der Liebe. Psychoanalyse, Feminismus und das Problem der Macht. Übersetzt von Nils Thomas Lindquist und Diana Müller. Basel/Frankfurt am Main: Stroemfeld/Roter Stern.


In obigem Textausschnitt aus Jessica Benjamins Die Fesseln der Liebe, Psychoanalyse, Feminismus und das Problem der Macht lässt sich eine Neukonzeption des Subjekts sowie Neuinterpretation der Grundbedingungen zwischenmenschlicher Beziehung ausmachen, von denen eigentlich alle oder viele feministische Theorien und Praktiken ausgehen.  Würdest Du sagen, dass der Gedanke und Forschungsergebnis, welches da beschrieben wird, noch nicht so richtig in unserer Gesellschaft angekommen ist, weil schwer umzusetzen, bzw. wir eben doch Anderes gewohnt sind oder weil der Gedanke, als Gedanke noch nicht genug Verbreitung gefunden hat?

Naja, vielleicht ist die Frage auch müssig und vielleicht will ich einfach nur teilen, dass ich wunderschön und erleichternd finde, dass hier zumindest ein paar Frauen die Psychoanalyse revidieren und von Innen aus anders denken.

Ah ja, das ist vielleicht eine Sache, über die Du sprechen könntest: Ist das, was manche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit der Psychoanalyse gemacht haben, nicht ein sehr gutes Beispiel dafür, dass es ganz gut funktionieren kann, sich nicht neuen Boden zu suchen, sondern, dass sich gerade auf altem Boden, sehr gut neuer Humus ziehen lässt.

Oder anders gefragt: Was interessiert Dich an der Psychoanalyse? Was ist deine Affinität zu dieser, um mit Haraway zu sprechen?

In meiner Forschung habe ich mich eher punktuell auf die Psychoanalyse bezogen, und zwar dann, wenn es darum ging, komplexe Vorgänge von Subjektkonstitution eingehender zu beleuchten. Ich finde, hier hält die psychoanalytische Theoriebildung einige hilfreiche Ansätze bereit. Tendenziell würde ich sonst allerdings eher Abstand davon nehmen, künstlerische Arbeiten zu psychologisieren, weil ich denke, dass solche Lesarten häufig zu kurz greifen. Bzw. lassen sie ausser Acht, dass künstlerische Arbeiten in und für ein spezifisches kulturelles Gefüge gemacht werden. Wenn man deren Wirkung allein unter psychologischen Gesichtspunkten betrachtet, dann bleibt unbeachtet, dass bspw. ein Aufführungsort wie die Kaserne Basel oder das HAU in Berlin für ein bestimmtes Publikum programmieren und Arbeiten zeigen, die in spezifischen Zusammenhängen entstanden sind. Und nicht zuletzt sind künstlerische Ausdrucksweisen oft in einer jahrelangen Praxis erarbeitet und verfeinert, in der die Künstler*innen meist eingehend über ihre Mittel und Möglichkeiten reflektieren. Diese produktionsästhetischen Aspekte würden in einer allein psychologischen Lesart ebenfalls nicht berücksichtigt.

Mein Interesse an der Psychoanalyse begründet sich vielleicht aus ihrer Sperrigkeit, zumindest wenn man sie mit aktuellen Techniken der Selbstdisziplinierung vergleicht. Anders als bei der Verhaltenstherapie oder dem Coaching, die sicher auch in gewissen Lebenslagen hilfreich sein können, geht es in der Psychoanalyse eben nicht um individuelle Funktionalität. Insofern hat sie einen politischen Zug, weil sie die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse nicht unbedingt kommentarlos bekräftigt. So, wie ich die Psychoanalyse verstehe, kann in den Sitzungen eben genau das Sperrige, Nicht-Funktionale im Rahmen einer therapeutischen Beziehung durchlebt werden, um sich darin besser kennenzulernen. Das ist u.U. äusserst langwierig und mühsam, aber auf diese Weise kann man auch erfahren, wie man sich als Individuum zur Kultur und zum kulturellen Gedächtnis verhält. Ich stelle mir das so vor wie bei den schon beschriebenen Brüchen im Sprechen: jede Auslassung, Wiederholung oder weitere Umschreibung kann nicht nur ein Hinweis auf eine persönliche Spannung sein, sondern auch auf ein Unbehagen in der Kultur (Freuds Herleitung desselben erfordert dann natürlich nochmal eine ganz eigene Problematisierung). Freud-Schüler wie Wilhelm Reich, seine Patientin Bertha Pappenheim haben schliesslich genau diesen Bezug zur Kultur in den Blick genommen und ihr politisches Engagement daraus abgeleitet.


Nadja Rothenburger wuchs im Erzgebirge (DDR) und in Österreich auf. Sie erhielt 2016 an der Freien Universität Berlin einen B.A. in Theater- und Tanzwissenschaft. 2020 schloss sie die Studiengänge Tanzwissenschaft (Major) und World Literature (Minor) an der Universität Bern erfolgreich ab. Von 2018 bis 2025 war sie Assistentin, Projektmitarbeiterin und Doktorandin, u.a. im SNF-geförderten Forschungsprojekt Auto_Bio_Grafie als Performance. Ein tanzhistoriografisches Innovationsfeld.
Vor und parallel zu ihrem Studium arbeitete Rothenburger als Performerin (re.act.feminism, La Pocha Nostra, Anasages z.B. Theater, u.a.) und als Tanzdramaturgin, zuletzt beim Film Schauhaus von Hilsamer/Lauenstein, der beim Dok Leipzig 2023 Premiere feierte. Sie war 10 Jahre als Assistentin für Tänzer*innen mit Trisomie 21 tätig, bspw. bei den No Limits Festivals 2013 bis 2017, engagierte sich im Kulturverein Visionerski Transport und ko-produzierte die queer-feministische Radiosendung Latifa auf Radio T in Chemnitz (2006–2010).
Ihre Dissertation wurde von Prof. Dr. Christina Thurner (Erstgutachterin), Prof. Dr. Sylvia Sasse (Zweitgutachterin) und Dr. Julia Wehren betreut und erschien 2026 bei transcript unter dem Titel AutoChoreoGrafie im Zeitgeschehen. Wie Selbstentwürfe Tanzgeschichte schreiben. Derzeit ist sie Postdoc.Mobility-Stipendiatin (SNF) an der Kunstuniversität Linz. Ihr Interesse gilt der Tanzgeschichtsschreibung, dem zeitgenössischen Tanz und der Performance Kunst in Ostmitteleuropa, der Schweiz und den USA. Zudem erforscht sie tänzerische Zeitkonzepte, soziale bzw. berufsbedingte (Im-)Mobilität und Dilettantismus als künstlerische Praxis.