Alle die auf diesem Planeten denken, sind Feministen!
Nadja Rothenburger und ich haben uns über einen Lesekreis kennengelernt, bei dem es um den Zusammenhang zwischen Kunst und Kapital(ismus) ging. Aus den Gesprächen ging hervor, dass Nadja sich ebenfalls mit Fragen des Subjekts, u.a. von einer feministischen und psychoanalytischen Perspektive aus, beschäftigt. Da mich das sehr interessiert, habe ich sie, ohne viel über Nadja zu wissen, um ein Interview gebeten. Da ich Nadja eigentlich zu wenig kenne, um sie interviewen zu können, dachte ich, dass es vielleicht interessant ist mittels verschiedener Textausschnitte miteinander per Mail ins Gespräch zu kommen. Im Winter 2021 haben wir uns dann über einige Monate hinweg zu verschiedenen Textausschnitten aus verschiedenen feministischen Theorie ausgetauscht. Das Gespräch fand im Rahmen meiner Recherche: Alle die auf diesem Planeten denken, sind Feminsten! gefördert von Neustart Kultur statt.
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Nadja,
Du bist Geisteswissenschaftlerin, forschst im Bereich Tanzwissenschaft und
Tanzhistoriografie an der Universität in Bern und jetzt gerade an der
Kunstuniversität Linz, der Titel deiner Dissertation lautet Autochoreografie im Zeitgeschehen. Wie
Selbstentwürfe Tanzgeschichte schreiben. Der obenstehende Text ist in den 1970er
Jahren als deutsche Übersetzung erschienen in dem Band Essen vom Baum der
Erkenntnis, Weibliche Praxis gegen Kultur im Merve Verlag. An den Unis hat sich sicher vieles verändert
seit 1970. Trotzdem, kannst Du das Problem, das in diesem Text beschrieben
wird, ein Stück weit nachempfinden? Wie gehst Du mit Kollisionen von Ordnungen
und Denkweisen um?
Liebe
Zina, vielen Dank für Deine Fragen, das Format gefällt
mir gut! Insbesondere die Einbeziehung historischer Texte, weil sie unser
Gespräch einbetten und kontextualisieren, Denkanstösse geben. Es erinnert mich an eine Brieffreundschaft, auch
das Zuschanzen von Materialien, die einen umtreiben, bewegen, weiterziehen.
Zu Deiner
Frage hinsichtlich des Pa/Ma-Textes: der im Text verhandelte Sprachbezug schliesst
ja an mehrere Gespräche an, die wir im vergangenen halben Jahr geführt haben,
das u.a. geprägt war von der Corona-Pandemie und anderen sich verdichtenden
gesellschaftlichen Krisenszenarien wie der klimatische und digitale Wandel und
unser Umgang mit Migration sowie damit assoziierte sogenannte Demokratie- oder
Kulturkrisen. In dieser Zeit habe ich mich regelmässig in kleinen Lesekreisen
online getroffen und wir haben u.a. einen Text von Tove Soiland diskutiert:
«Luce Irigarays Denken der sexuellen Differenz». Parallel dazu habe ich
begonnen, mich auch wissenschaftlich mit Denk- und Argumentationsfiguren der
,Krise‘ zu beschäftigen. Deine erste Frage weckt daher bei mir Assoziationen
zur Sprache als Herrschaftsinstrument und Ausdrucksmittel und wie sich
diese zu einem krisenhaften Zustand verhält. Dazu begegnete mir unlängst ein
Textfragment von Nancy Stark Smith:
"Language goes only so far, it's true.
But it can indeed go quite far—in bringing an ineffable experience into at
least partial consciousness, satisfying an intention to articulate, share, or
invoke an experience (and conceive of it at all!). None of these is the same as
the wordless experience itself, but I find that language can be an
effective breadcrumb trail leading back to the nonlanguageable
phenomena."
—Nancy Stark Smith (Editor Note, CQ Vol. 45
No.1, Winter/Spring 2020)
Nancy Stark
Smith stellt hier das Verhältnis von Erfahrung und Versprachlichung zur
Disposition und benennt damit ein ganz zentrales Forschungsfeld der
Tanzwissenschaft: Wie wird der Gegenstand, der mich als Tanzhistorikerin umtreibt,
be- und erschrieben – wie wird er zur Sprache gebracht bzw. durch diese mit
geformt. Das eine lässt sich ohne das andere nicht denken und zugleich ist jede
Entäusserung eben immer auch Reduzierung und Möglichkeitsraum zugleich. Also
Ausdruck und potenzieller Ausblick eines Dilemmas und in dieser Hinsicht dynamisch.
Das enthebt uns freilich nicht der Frage nach Geschlechterverhältnissen, macht
aber die Betrachtung und Erforschung von Sprache so vielschichtig und
insbesondere für das tanzwissenschaftliche, aber auch choreografische Denken
und Arbeiten fruchtbar.
Irigaray’s project of redefining the parameters of subjectivity and the very understanding of what thinking is all about rests on one major assumption: the belief in the ontological basis of sexual difference. In other words, the difference between the sexes is radical, and it is constitutive of the human experience; it should be listed alongside mortality as the ineluctable frame of reference of the human being.
Just like death, sexual difference is always already there, whether we acknowledge it or not. The ontological claim for sexual difference is what makes Irigaray so important theoretically and politically; the essentialist belief in ontological difference is a political strategy aimed at stating the specificity of female subjectivity, sexuality, and experience while also denouncing the logic of sexual indifferentiation of phallogocentric discourse.¹²
Rosi Braidotti, Nomadic Subjects: Embodiment and Sexual Difference in Contemporary Feminist Theory (New York: Columbia University Press, 1994), 131.
Rosi Braidotti, Nomadic Subject Chapter 6, “The Ethics of Sexual Difference: The Case of Foucault and Irigaray”, on p. 131 of the 1994 Columbia University Press edition.
Der
Textausschnitt ist von Rosi Braidotti aus Nomadic Subject von 1994, ebenfalls
Vertreterin der eher randständigen feministischen, philosophischen Strömung,
die auf der Idee einer ontologischen sexuellen Differenz basiert. Ich finde die
Frage, ob es einen wesensmässigen Unterschied zwischen den Geschlechtern gibt,
nicht wichtig im Kampf um Gleichberechtigung, und wie aus dem Text hervorgeht,
ist die sexuelle Differenz ja auch eher eine politische Strategie, eine
Zwischenstation, die Frauen handlungsfähiger macht und sicherlich keine
biologistische Differenz. Bei Braidotti selbst ist die sexuelle Differenz auf
keinen Fall essentialistisch gemeint, aber trotzdem eine ontologische. Deshalb
frage ich mich wo, an welchem Ort sozusagen, diese Differenz statthat. Wie
nimmst Du diese grundlegende „sexuelle Differenz“ von Luce Irigaray oder Rosi
Braidotti wahr? Kannst Du vielleicht beschreiben, was das für eine Differenz
ist, auf welcher die gesamte Theorie von Luce Irigaray aufbaut. Wo differenziert
sich da etwas? Oder geht es mehr darum, dass es vielmehr immer Differenz(en)
gibt und nicht Gleichheit und dass wir für Differenz(en) eigentlich keine
Sprache haben - Differenz(en) in unsere Kultur nicht denken können? Oder muss
man geschlechtliche Subjektivierungsprozesse nach psychoanalytischer Theorie
besser verstehen, um nachvollziehen zu können, wo diese Differenz genau
stattfindet?
Ich finde Deine Annahme interessant, dass sexuelle Differenz an einem Ort
stattfindet und würde zurück fragen, wie Du diesen beschreiben würdest.
Ich bin selbst noch dabei zu durchdenken, was es mit sexueller Differenz
bei Irigaray auf sich hat, insbesondere da sich diese ontologischen
Betrachtungen durch die Frage nach der Subjektivierung noch einmal
verkomplizieren. Hier hat mir eine Diskussion zwischen Svenja Flasspöhler und
Christoph Türcke unlängst hilfreiche Anstösse gegeben. Dort wurde darauf
verwiesen, dass eine konstruierte Realität immer noch eine Konstruktion von etwas
ist. Ich weiss nicht, ob Materialität als Begriff für dieses Konstruierte zutreffend
ist, aber jedenfalls sind unsere konstruierten Realitäten immer durch, mit und
von materiellen Gegebenheiten geprägt, mit denen unsere
Realitäts-Konstruktionen wiederum im Wechselspiel stehen. Damit will ich sagen,
dass z.B. Weiblichkeit eben nicht nur ein Konstrukt sein kann, denn es
haben nun einmal ein signifikanter Anteil von Frauen ihre Menstruation und/oder
die Möglichkeit für eine bestimmte Zeit ihres Lebens Kinder zu gebären. Das ist
ein Fakt, eine Konstruktion, die sich aus diesem Umstand ableitet, wäre dann,
dass Frauen deswegen weniger intelligent wären oder aufgrund ihrer Körperlichkeit
allein zum Gebären bestimmt seien – das ist natürlich Unfug und diese
Behauptungen stehen exemplarisch für einen bestimmten Herrschaftsdiskurs über
,Weiblichkeit‘, der mit körperlichen Realitäten nichts zu tun hat. Deswegen ist
ja heute auch das Sprechen über Männlichkeit so verletzlich, weil eigentlich
immer dazu gesagt werden müsste, nein – es geht hier eben nicht vordergründig
um ,biologische‘ Männer (wer auch immer das sein mag), sondern um gewisse
Herrschafts- und Unterdrückungsmechanismen, die durch die
Geschlechterverhältnisse unserer Gesellschaft ausagiert werden. Und auch eine
Frau, eine intergeschlechtliche oder non-binäre Person kann diese ,männlichen‘
Verhaltensweise ausüben.
Einen weiteren wichtigen Hinweis, den ich aus dem Gespräch Flasspöhler/Türcke
mitgenommen habe ist die Feststellung, dass Verhältnisse immer nur zwischen
etwas, also sagen wir verschiedenen Komponenten, gedacht werden können. Diese
Beobachtung könnte man umkehren und sagen, wenn wir uns in verschiedene
Geschlechteridentitäten zerstreuen oder als non-binär denken, wie können wir
dann Ungleichheiten benennen? Ich glaube, das Problem unserer
Geschlechterverhältnisse liegt nicht (nur) in der Binarität, sondern darin, wiediese verschiedenen Kategorisierungen von ,weiblich‘ oder ,männlich‘ gedacht
werden und ob sie beweglich zueinander ins Verhältnis gesetzt werden oder ob der
Status Quo möglichst beibehalten werden soll.
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Auch dieser
Text stammt von Luce Irigaray aus den 1970er Jahren. Der Text hört sich für
heutige Leser und Leserinnen wahrscheinlich irrwitzig an, im besten Fall
einfach stark übertrieben. Ich selbst meine allerdings, dass ich den im Text
beschriebenen Vorgang in verdeckter Form in bestimmten Gefühlen, wiedererkennen
kann.
Es ist nicht einfach, es genau zu benennen,
aber ich würde sagen, dass es bei amourösen Annäherungen diesen Moment gibt, in
dem ich merke, dass ich als Frau doch irgendwie ein bisschen eine Ware werde,
dieses Mannes, aber auch der Gesellschaft, während ich nicht das Gefühl habe,
dass das auch umgekehrt so passiert. Das sage ich jetzt rückblickend. Ich habe
zu diesem Zeitpunkt nicht so sehr darüber nachgedacht, aber ich denke, dass
diese Gefühle ein stückweit unabhängig sind von meinem Verhalten in dieser
Situation und, dass da etwas hochkommt, das tatsächlich eher etwas
Strukturelles ist oder so eine Nebelwolke, die nicht verdunsten will, noch so
in der Luft rumhängt und von diesem „alten Warenstrom“ erzählt, von dem ich als
Frau doch irgendwie immer noch Teil bin, ob ich das will oder nicht.
Ich muss den
Text lesend auch an unser erstes Gespräch denken. Ich glaube Du hast da auch
diesen Text erwähnt, oder zumindest die „Entdeckungen“ von Lévi-Strauss. Und da
hast Du etwas gesagt wie, dass Du als Frau, die keine Kinder hat und in keiner
festen Beziehung lebt, letztlich nicht Teil des Systems bist. Und mehr noch,
dass Du dadurch als Bedrohung dieses Systems wahrgenommen wirst, ob Du willst
oder nicht. Eigentlich ist es ja super, eine Bedrohung für das System zu sein,
aber irgendwie hat es mich kurz auch getroffen, ich weiss gar nicht wieso.
Ist es
einfach nur, was es ist und mehr nicht oder könntest Du darüber noch mehr
sagen? Zum Beispiel was genau ist es, was Du da „bedrohst“?
Vor ein
paar Tagen habe ich ein Interview mit der Wiener Schriftstellerin Doris Knecht
über ihr jüngstes Buch gehört, bei dem ich vor allem an der Beschreibung ihrer
Hauptfigur hängengeblieben bin. Knecht skizziert diese Figur als alleinstehende
Witwe und Mutter, deren Selbstständigkeit für Männer insofern bedrohlich ist,
als sich diese Männer in ihrem Rollenverständnis als Versorger und Beschützer
angegriffen sehen und diese Verunsicherung dann stellvertretend an ihr als alleinstehende
Frau ausagieren, weil sie es wagt sich öffentlich zu äussern. Auf digitale
Hassbotschaften und deren Folgen für die Betroffenen, über die Knecht in ihrem
Buch erzählt, mag das zutreffen; hinsichtlich einer Analyse von Geschlechterverhältnissen
fehlt mir da noch ein wesentlicher Aspekt. Das Bedrohliche an unabhängigen Frauen
– oftmals auch in ihrem eigenen Selbstverständnis – ist ja nicht nur deren
Selbstständigkeit, sondern auch, dass sie sich im gesellschaftlichen Gefüge nicht
durch die Bezugnahme auf andere – einen Mann oder Sorgearbeit – legitimieren.
Indem ich also mein Dasein weder durch Mutterschaft noch durch Ehe oder Partnerschaft
einhege und ein vermeintlich ungebundenes Leben führe, also keine pflegerische
oder sorgende Rolle übernehme, weil ich z.B. die Kinder meiner Geschwister als
Tante eng begleite oder alternde Angehörige versorge, werde ich zum
unberechenbaren, frei flottierenden, radikalen Teilchen im Halbbewussten der
Gesellschaft. Mein Dasein sperrt sich sozusagen gegen diese
Legitimationsversuche und legt zugleich Zeugnis ab davon. Ich glaube, deswegen
fällt es Männern unter Umständen auch schwer, sich auf weibliches Begehren zu
beziehen, weil ihnen schlichtweg die Beweggründe verstellt bleiben, die dazu
führen sich dieser Ordnung entziehen zu wollen. Eine Ordnung, in der Frauen als
eine Art Bedeutungs-Träger fungieren, aus der sie aber nicht einmal verdrängt
oder ignoriert werden können, weil sie als Eigenständiges einfach nicht vorkommen.
Als junge Frau fiel das für mich noch nicht so sehr ins Gewicht, weil ich keine
vergleichbaren, eigenen Erfahrungen mit den Begehren einer fast 40-jährigen
gemacht hatte. Heute, wenn ich mit mehr Erfahrung auf diese Fragen blicke, finde
ich, dass ein gewichtiges Momentum, also wie dieses Nicht-Dasein von
Frauen über 40, 50 sich vollzieht, und zwar eben nicht (nur) dadurch, dass sie
von Männern als mögliche Bettgefährtinnen abgewertet werden, weil ihnen deren Begehren
keine gesellschaftliche Statusveränderung mehr verspricht. In dieser Lesart
sind die Begehren dieser Frauen für Männer also weder als solche wahrnehmbar
noch von Interesse.









